NEWS: KOOPERATIVES STUDIUM

Zum Wintersemester 24/25 wird der Studiengang Sozialrecht als Kooperatives Studium angeboten. Erfahren Sie mehr darüber!

Ass. jur Sebastian Ambros 

Sebastian Ambros ist Lehrbeauftragter im Studiengang Sozialrecht an der
Hochschule Fulda. 12 Fragen und Antworten.

Foto: Walter M. Rammler

Foto: Walter Rammler

1. Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich damals als Student*in für Ihr Fach entschieden haben? 

Am Anfang stand der Wunsch – nicht zuletzt aufgrund eines prägenden Europäischen Freiwilligendienstes in der Obdachlosenhilfe –, die Gesellschaft mit ihren Licht- und Schattenseiten besser zu verstehen: möglichst nicht nur die eigene und am besten aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Mir war also klar, dass es ein europäisch und international ausgerichtetes Studium unterschiedlicher Fächer werden sollte.

Für die konkrete Fächerwahl waren dann jeweils mehrere Gründe ausschlaggebend:

Für Jura das Grübeln über Gerechtigkeit, Recht und Moral; der Wunsch, gegen Ungerechtigkeit einzustehen; die Freude an der Beschäftigung mit Sprache; die Hoffnung auf vielfältige Inhalte und ein breites Spektrum beruflicher Möglichkeiten.

Für Geschichte die Faszination vergangener Zeiten und Ereignisse, aber auch der Gedanke, dass man nur bestimmen kann, wo man steht und ersinnen kann, wohin man will, wenn man weiß, woher man kommt. 

Für Kunstgeschichte der – durch die eigene Talentlosigkeit noch verstärkte – Zauber vieler Kunst-und Bauwerke; dazu eine Ahnung, wie wesentlich Kultur im weitesten Sinne für uns Menschen und unser Zusammenleben ist.

2. Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag bei Ihnen aus?

Durch meine unterschiedlichen Tätigkeiten habe ich eigentlich gar keinen besonders typischen Arbeitsalltag:

Wenn ich an meiner Dissertation arbeite, besuche ich einschlägige Veranstaltungen, recherchiere, lese und exzerpiere passende Literatur, entwerfe und verwerfe Gedanken und Überlegungen …

Auch für die Vorbereitung einer Lehrveranstaltung steht im Mittelpunkt zu lesen (wissenschaftliche Texte, Urteile, Fachinformationen, natürlich auch Zeitung), zu überlegen, dann auch Materialien zu erstellen.

An den Tagen, an denen ich als juristischer Mitarbeiter in einer Kanzlei arbeite, beginnt der Tag meistens mit einer Besprechung der zu erledigenden Aufgaben und ist dann geprägt von Aktenstudium, Recherchen und der Mitarbeit an Gutachten, Schriftsätzen etc.

3. Sind Sie eher der digitale Typ oder bevorzugen Sie die Präsenzlehre? 

Präsenzlehre.

4. Vor und nach Corona:

a) Was haben Sie in der Lehre der Corona-Pandemie gelernt?
b) Was nehmen Sie aus der Corona-Pandemie für die Lehre danach mit?

zu a):

Ich habe tatsächlich erst mitten in der Corona-Pandemie angefangen – das war also ein ziemlicher Kaltstart!

zu b):


Manche Formate sind wirklich gut geeignet, Leute aus unterschiedlichen Bereichen und vor allem an mehreren Orten unkompliziert im digitalen Raum zu versammeln. Das ist eine erhaltenswerte Bereicherung und Erleichterung. 

Aber zu unserer Selbst-/Erfahrung und Entfaltung bleiben wir eben doch auf die unmittelbare Wahrnehmung und den unmittelbaren Austausch im analogen Raum angelegt und angewiesen. Das Digitale ist eine wunderbare Ergänzung – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

5. Wenn Sie nicht Professor*in/Dozent*in wären, welchen alternativen Beruf hätten Sie ergriffen?

Ich bin froh, gerade (noch) mehrere Wege gleichzeitig gehen zu können: Forschung für die Dissertation, etwas Lehre an der Hochschule und juristische Praxis in einer Anwaltskanzlei. 

Um trotzdem auf die Frage zu antworten: In meiner Kindheit und Jugend habe ich die Schauspielerei sehr geliebt – vielleicht hätte ja auch daraus was werden können?

6. Wie können Sie am besten vom Alltag „abschalten“?

Abschalten fällt mir leider oft schwer … obwohl ich sehr viel von dem Ausspruch halte, dass wir nicht leben um zu arbeiten, sondern arbeiten um zu leben! 

Wann immer ich‘s aber beherzige, dann am liebsten mit Freunden und Familie, auf ausgedehnten Spaziergängen und mit allerlei Schmäusen für Augen, Ohren und Gaumen.

7. Was bringt Sie zur Weißglut?

So manches! Zum Beispiel Ignoranz, Borniertheit, Rücksichtslosigkeit, Dünkelhaftigkeit, Heuchelei, Selbstgerechtigkeit, Duckmäuserei und fehlender Anstand können mich schon zornig machen. 

Dazu soll Papst Gregor der Große übrigens mal geäußert haben, dass die Vernunft sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen könne, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht. Ich finde, da hatte er recht. 

(Dumpfe Wut, Hass oder Bitterkeit haben mit so einem fruchtbaren „gerechten Zorn“ aber wohlgemerkt gar nichts zu tun! – sie sind einfach nur destruktiv.)

8. Worüber können Sie lachen? 

Hoffentlich oft genug über mich und meine eigene Inkonsequenz, aber auch über allerlei Skurriles und Ironisches.

9. Wovon wurden Sie zuletzt überrascht?

Von einem Regenschauer.

10. Was begeistert Sie?

So einiges! Die wundervolle Natur, gelebte Mitmenschlichkeit, große Kulturleistungen im allerweitesten Sinne.

Grundsätzlich alle Formen von Engagement, in denen Menschen nicht gegen etwas – und schon gar nicht gegen andere – sondern für eine Sache kämpfen, in der sie Wahrheit, Gerechtigkeit, Schönheit schauen … wenn (!) sie dabei nicht vergessen, dass sich keine dieser großen Ideen in der veränderlichen Wirklichkeit von uns widersprüchlichen und ambivalenten Menschen vollkommen wird ins Werk setzen lassen.

11. Im sozialrechtlichen Bereich gibt es viele Brandherde. Welches Feuer würden Sie gern als Erstes löschen?

Da denke ich in unserem reichen Land vor allem an zementierte (relative) Armut und mangelnde soziale Durchlässigkeit, an den brüchigen Generationenvertrag des Rentensystems oder an die bedenkliche Privatisierung sozialstaatlicher Infrastruktur und sozialer Sicherung ganz allgemein.   

All das verblasst allerdings beim Blick in viele andere Länder, was auszublenden oder kleinzureden nicht nur ignorant und verstockt, sondern schlicht fatal für uns alle ist.

Es muss einer jeden Gesellschaft aus eigener Kraft möglich sein, die in ihr lebenden Menschen auf ihre eigene Weise und nach ihren eigenen Prioritäten sozial abzusichern.  

Soweit der reiche Teil der Menschheit seinen hohen Lebensstandard (und die mit ihm leider oft einhergehende, übersteigerte Anspruchshaltung) nun nicht selbst verdient, sondern durch Ausbeutung von Menschen und Ressourcen, Raubbau an Natur und Umwelt oder auch durch ein unausgewogenes Völkerrecht erlangt (hat), muss er in dem Maße Wohlstand teilen und Entwicklung ermöglichen, in dem die Probleme des ärmeren Teils nicht von diesem selbst zu verantworten sind.

Stattdessen die materiell Bedürftigen aller Länder gegeneinander aufzubringen und auszuspielen, damit sie sich nicht vereinigen und den besonders Wohlhabenden unangenehme Fragen erspart bleiben, ist erbärmlich. Das Feuer wird erst eingedämmt sein, wenn weltweit alle sozialen Brandherde unter Kontrolle sind – einschließlich des ökologischen, der aus Sicht des Menschen eigentlich auch ein sozialer ist.

12. Welchen Tipp würden sie einem*r angehenden Sozialrechtsstudent*in für ein erfolgreiches Studium geben? 

Auch wenn die Finanzierung oft nicht einfach ist: Finden und gehen Sie Ihren Weg mit Begeisterungsfähigkeit und Bestimmtheit. Widmen Sie sich Ihrem Fach und Ihren Interessenschwerpunkten mit Ernst und Freude.  Suchen und nutzen Sie mutig die hierzulande reichlich vorhandenen Möglichkeiten. Lassen Sie sich bei aller gebotenen Vorsicht und Klugheit nicht durch ökonomische Verwertungslogiken verrückt machen, sondern schauen Sie wo immer möglich über den Tellerrand und unter die Oberfläche. Schulen Sie ein Denken, das gleichermaßen kritisch und konstruktiv ist.

Über Sebastian Ambros:

Sebastian Ambros macht mehr als nur Jura und hat sich bereits früh engagiert: bis zum Abitur (2008) vor allem im schulischen Bereich, unter anderem als
Schülersprecher; außerdem war er Schauspieler im Theaterensemble der Kunstschule seiner Heimatstadt.

Danach: Einjähriger Europäischer Freiwilligendienst im Norden Frankreichs in einem christlichen Verein zur Unterstützung von Menschen in Obdachlosigkeit und anderen schwierigen Lebenslagen.

Studium der Rechtswissenschaft (Bachelor of Laws „Deutsches und Französisches Recht“ 2016, Maîtrise de droit „Europäisches und Internationales Recht“ 2015, Referendarexamen/Erste Prüfung 2018) sowie der Geschichte und Kunstgeschichte (Bachelor of Arts 2014, Fokus auf dem europäischen und dem islamischen Kulturraum) an der Universität Passau, der pakistanischen Lahore University of Management Sciences, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der französischen Université de Nantes und der palästinensischen Birzeit University; ergänzt durch Stationen in Lyon, Stuttgart und Frankfurt am Main (Wirtschaftskanzleien), in Berlin (Museum für Islamische Kunst) und Genf (deutsche Vertretung bei den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen) sowie durch diverse Reisen.

Rechtsreferendariat (Assessorexamen/Zweite Juristische Staatsprüfung 2020) in Fulda (Landgericht, Staatsanwaltschaft, Rechtsanwaltschaft) mit weiteren Stagen in Frankfurt am Main (S. Fischer Verlage, Städelschule), Kassel (Verwaltungsgericht) und Berlin (Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien).

Derzeit interdisziplinäres Promotionsstudium zu Fragen des Eigentums an Kulturgut am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München und – nach knapp zweijähriger juristischer Mitarbeit im Bereich Dispute Resolution des Frankfurter Büros einer internationalen Wirtschaftskanzlei – seit Oktober 2022 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Nationales und Internationales Öffentliches Recht mit dem Schwerpunkt Kulturgüterschutz am Institut für Kulturwissenschaften sowie am Institut für Öffentliches Recht und Völkerrecht der staats- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität der Bundeswehr München.